Der Begreifler über Wörter der Bestimmung

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

© Stocksnapper

In einer Wohnung haben wir mehrere Zimmer. Um sie zu unterscheiden, bestimmen wir jedes Zimmer näher, indem wir dem Grundwort „Zimmer“ ein Bestimmungswort hinzufügen:

Wohnzimmer,
Schlafzimmer,
Arbeitszimmer,
Kinderzimmer,
Gästezimmer,
Badezimmer.

Eine auf diese Weise entstandene Zusammensetzung nennen wir auch Kompositum. Sie besteht immer aus einem Grundwort (Zimmer), das uns verrät, womit wir es grundsätzlich zu tun haben, und mindestens einem Bestimmungswort (Schlaf, Kinder), das dieses Grundwort genauer bestimmt.

Wie schon die oberen Beispiele zeigen, werden manchmal zur besseren Aussprache Buchstaben zwischen dem Bestimmungs– und dem Grundwort eingefügt. Diese nennt man Fugenzeichen, etwa Fugen-s (Arbeitszimmer) oder Fugen-e (Badezimmer).

Weitere Beispiele für Bestimmungswörter in Komposita:

Nomen als Bestimmungswort:
Bestimmungswort, Grundwort, Personalcomputer,
haushalten, heimgehen, teilhaben,
mausgrau, herzensgut, staubtrocken,
tagein, flussabwärts, bergauf.

Adjektiv als Bestimmungswort:
Braunbär, Hochseil, Mehrwert,
schönreden, rotsehen, wahrnehmen,
süßsauer, vollschlank, rotbraun,
frühmorgens, langhin, rundheraus.

Verb als Bestimmungswort:
Abschleppfirma, Zitteraal, Haltestelle,
bausparen, gefriertrocknen, warnblinken,
denkfaul, saugfähig, lesefreundlich.

Adverb als Bestimmungswort:
Auswärtssieg, Linkspartei, Rundumsicht,
abwärtsscrollen, davonschleichen, herausputzen,
gerngesehen, immergrün, wohlgenährt,
dahin, immerfort, zuerst.

Pronomen als Bestimmungswort:
Alleskönner, Ich-Erzähler, Selbstabholer,
diesjährig, ichbezogen, selbstsicher.

Präposition als Bestimmungswort:
bislang, nebenan, übermorgen,
anbei, inzwischen, mitunter,
aufeinander, trotzdem, überall.

Viele weitere Beispiele in einer systematischen Übersicht findet ihr unter anderem bei canoonet.

Das Neuner-ABC: Hier wird gebrecht, nicht gebrochen!

Neuner-ABC, Foto: James Steidl

© James Steidl

Das Verb radebrechen ist zum einen eine feste Zusammensetzung (also nicht: Russich breche ich rade), zum anderen wird es regelmäßig gebeugt.

Es heißt also nicht du radebrichst, sondern du radebrechst, nicht sie radebrach, sondern sie radebrechte, nicht sie hat radegebrochen, sondern sie hat radegebrecht.

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Das Neuner-ABC: Was ist das?

Oldies: harschen

Harsch bezeichnet hart gefrorenen Schnee beziehungsweise eine Schnee-/Eiskruste. Das Adjektiv harsch bedeutet ursprünglich „rau, hart, rissig“ (mittelniederdeutsch harsk). Wir verwenden es heute ebenfalls fast ausschließlich im Zusammenhang mit Schnee im Sinne von „vereist“. Harscher (auch harschiger) Schnee ist also mit einer Eiskruste bedeckt.

Außerdem kennen wir es im übertragenen Sinne („unfreundlich, derb, barsch“):

Auf seine Frage bekam er eine harsche Entgegnung.

Das Verb harschen findet kaum noch Verwendung und bedeutet „hart/krustig werden, vereisen“:

Der Schnee harscht.

Aus Partizip!

Klaus brachte fluchend den Müll runter.

In diesem Satz steckt das Partizip fluchend. Es bestimmt näher, wie Klaus den Müll runterbringt, wird in diesem Fall also adverbial gebraucht*. Das bedeutet auch, dass die Hauptaussage des Satzes ist, dass Klaus den Müll runterbringt, während sein Fluchen diese Aussage nur näher erläutert.

Wollen wir das Fluchen betonen, also des Lesers volle Aufmerksamkeit auch auf das Fluchen richten, sollten wir aus dem Partizip wieder ein Vollverb machen:

Klaus brachte den Müll runter und fluchte (dabei).

Man beachte, dass auf diese Weise nicht nur ein Akzent auf das Fluchen gesetzt wird, es wird erst durch die Rückverwandlung in ein Verb wieder zu einer Aktion.

Aber zurück zum Partizip: Das Partizip kann man rein theoretisch beliebig erweitern:

Klaus brachte leise fluchend den Müll runter.
Klaus brachte auf Gott und die Welt fluchend den Müll runter.
Klaus brachte auf die Faulheit seiner verwöhnten und in keiner Weise kooperierenden Kinder fluchend den Müll runter.

Was damit entsteht, ist der sogenannte Partizipialsatz, auch satzwertiges Partizip genannt. Um die Gliederung deutlich zu machen oder Missverständnisse zu vermeiden, könnte man ihn in Kommata einschließen. Dennoch geht mit zunehmender Länge der Partizipialgruppe die Übersicht verloren.

Auch die Gewichtung verschiebt sich. Rein grammatisch liegt die Betonung noch immer auf der Hauptaussage, dass Klaus den Müll runterbringt, doch spätestens im dritten Beispiel ist diese Hauptaussage kaum noch hinter dem Partizipwulst zu erkennen.

Das Partizip bleibt aber nun mal Partizip, wird, egal wie viel Gewicht es trägt, nicht zu einem finiten Verb. Keine Aktion! Folge: Je länger das satzwertige Partizip, desto statischer der gesamte Satz.

Wenn also nicht gerade besondere stilistische Effekte erwünscht sind, ist es immer besser, sich von solchen Konstruktionen fernzuhalten und stattdessen zwei Hauptsätze oder Haupt- und Nebensatz zu formulieren.

Klaus fluchte auf die Faulheit seiner verwöhnten und in keiner Weise kooperierenden Kinder, während er den Müll runterbrachte.

Ich behandle dieses Thema schon zum zweiten Mal, diesmal allgemeiner. Wen noch der kleine Artikel interessiert, den ich damals direkt für Autoren geschrieben habe, der kann ihn hier nachlesen.

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*Partizipien können natürlich auch attributiv, etwa als Begleiter eines Substantivs, gebraucht werden. An den Problemen, die sie mit sich bringen, ändert sich dadurch nichts:

Der (auf die Faulheit seiner verwöhnten und in keiner Weise kooperierenden Kinder) fluchende Klaus brachte den Müll runter.

Das Neuner-ABC: Dageblieben!

Ich würde gern noch dableiben.

Rühr dich nicht! Du sollst genau da bleiben!

Im Allgemeinen schreibt man die Adverbien da, daher, dahin usw. mit dem folgenden Verb zusammen. Im zweiten Beispiel wird es allerdings als Wortgruppe angesehen, in der das da die Bedeutung von an dieser Stelle innehat. Daher wird es getrennt vom folgenden Verb geschrieben.

Nach der neuen Rechtschreibung werden übrigens auch alle Verbindungen mit sein auseinander geschrieben: Wir werden um zwölf Uhr da sein.

Aber das betrifft natürlich nicht unser Dasein.

Das Neuner-ABC: Was ist das?

Rechtschreibprüfung zum Schreien!

Wer bei der Rechtschreibprüfung seines Textprogramms nicht auf dem neuesten Stand ist, wird vermutlich guten Gewissens das Partizip „geschrieen“ (von „schreien“) verwenden. Sollte er das zweite „e“ einmal vergessen, wird ihn das Programm daran erinnern.

Seltsam, war doch die Schreibung „geschrien“ schon vor der Reform möglich. Nach neuer Rechtschreibung ist es nun sogar die einzig richtige Schreibung. Glücklicherweise sind Rechtschreibprüfungen lernfähig.

Aus Prinzip Partizip?

(1) Lachend ging Tom die Straße entlang.

„Lachend“ ist ein Partizip, Partizip I, um genau zu sein. Es wurde aus dem Verb „lachen“ gebildet und drückt im Prinzip eine zweite Tätigkeit aus, die einer ersten untergeordnet ist.

Tom tut also in unserem Beispiel zwei Dinge: Er geht und er lacht.

(2) Tom ging die Straße entlang und lachte.

Trotzdem merken wir schon, wie sich mit dem Partizip die Betonung verschiebt. Der Schwerpunkt der Aussage in Beispiel (1) liegt darauf, dass Tom die Straße entlang geht.

Das Partizip kann nun noch erweitert werden:

(3) Laut lachend ging Tom die Straße entlang.

(4) Über einen Witz lachend ging Tom die Straße entlang.

Spätestens in Beispiel (4) wird der Satz langsam unübersichtlich, selbst dann, wenn man zur besseren Übersichtlichkeit das mögliche Komma setzt. Dennoch kann gerade hinsichtlich der Betonung die partizipiale Konstruktion erwünscht sein. Auch der sprachliche Rhythmus könnte die Entscheidung des Autors zugunsten des erweiterten Partizips beeinflussen.

Im Lektorat fällt mir aber immer mal wieder ein sehr inflationärer Gebrauch solcher Partizipialkonstruktionen (satzwertiges Partizip, Patizipialsatz) auf. Das mag zum einen daran liegen, dass der Autor das für einen besonders literarischen Stil hält, zum anderen an dem Bedürfnis, viel Information auf engem Raum zusammenzubringen.

Während Ersteres zumindest pauschal so nicht stimmt, ist Letzteres für einen literarischen Text alles andere als erstrebenswert. Denn wir schreiben ja nicht an einem möglichst informativen Artikel, für den uns nur begrenzter Raum zur Verfügung steht. Ganz im Gegenteil: Wir schreiben eine Geschichte, die durchaus mit Informationen geizen darf und soll, nicht aber mit den Sätzen, in denen sie dem Leser diese Informationen vermittelt.

Und eine Geschichte wird durch aktive Handlung getragen. Mit Partizipialsätzen erreicht man aber das genaue Gegenteil. Sie drücken nur noch sehr abgeschwächt Handlung aus, sind nicht selten bloßes Attribut. Dazu kommt noch, dass sie für den Leser inhaltlich schwieriger aufzunehmen sind und für den Autor oft alles andere als leicht zu händeln, vor allem, weil man genau darauf achten muss, dass der richtige Bezug unmissverständlich hergestellt werden kann (5).

Zusammenfassend kann man also sagen:

  1. Partizipialsätze können wünschenswert sein, wo sie der gewünschten Absicht entsprechen.
  2. Partizipialsätze können einen Text auflockern.
  3. Partizipialsätze sollten sparsam eingesetzt werden und einen Text niemals beherrschen.
  4. Achte auf Verständlichkeit (5).
  5. Erschaffe keine „Partizipmonster“ (6).

(5) Mit Bier angefüllt gab ich meinem Freund das Glas.

(6) Er ging seinen MP3-Player aus der Hosentache holend und AC/DC, seine Lieblingsband, heraussuchend die Straße entlang