Der Begreifler über den allwissenden Erzähler

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

© Stocksnapper

Wie der Begriff schon verrät, handelt es sich beim allwissenden (auktorialen) Erzähler um einen Erzähler, der alles weiß. Entscheidend ist dabei sein allumfassendes Wissen über die Geschichte, die von ihm erzählt wird. Dieses Wissen ist ähnlich uneingeschränkt wie das eines Gottes.

Gott

Der allwissende Erzähler weiß also zu jedem Zeitpunkt der Geschichte, was gerade geschieht, was bereits geschehen ist, und was noch geschehen wird. Sein Wissen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Erzählten umfasst dabei jeden für die Geschichte auch nur entfernt relevanten Ort. Und es schließt die Erlebnisse, Handlungen, Gedanken, Gefühle, Wahrnehmungen und Sichtweisen aller anwesenden und nicht anwesenden in irgendeiner Form beteiligten Figuren ein.

Dieser Erzähler ist also beispielsweise ohne Weiteres in der Lage, in die aktuelle Erzählung einzustreuen, was eine abwesende Figur an einem weit entfernten Ort gerade tut oder denkt, vor einer Woche getan oder gedacht hat bzw. in einer Woche tun oder denken wird.

In aller Regel kann ein solcher gottgleicher Erzähler nicht Teil der erzählten Handlung sein, schon weil er mit diesem Wissen keine auch nur halbwegs glaubwürdige Figur abgeben würde. Er steht außerhalb oder – um im Bild zu bleiben – schwebt oberhalb der Erzählung, wo er jederzeit alles und jeden im Blick hat. Wie ein Gott eben. Daher muss er sich für dieses Wissen auch nicht rechtfertigen.

Eine Ausnahme stellt der eingeschränkt allwissende Erzähler dar (den man demnach als teilwissend bezeichnen müsste). Der entscheidende Unterschied ist der, dass dieser sein Wissen rechtfertigen muss, weil er es durch den zeitlichen Abstand zum erzählten Geschehen gewonnen hat. Er besitzt sein umfangreiches Wissen über das Erzählte also nicht aufgrund göttlicher Fähigkeiten, sondern er hat es mit der Zeit erworben. Er erzählt dabei über vergangenes Geschehen, an dem er oft selbst beteiligt war, aber er erzählt nicht aus der Position des Handelnden, sondern aus seiner späteren, in der er längst weiß, wie alles ausging, wie seine Begleiter in der jeweiligen Situation dachten, fühlten und wahrnahmen, ja sogar, was Figuren erlebt haben, die zum jeweiligen Zeitpunkt an einem anderen Ort weilten. Er muss aber zu jeder Zeit nachweisen können, ob und wie er im Nachhinein an die entsprechenden Informationen gelangen konnte, auch wenn er das natürlich im Text nur hin und wieder tut.

Was ich damals nicht wissen konnte, Peter hatte gelogen. Erst vor einer Woche hat er es zugegeben.

Verhalten

Wir sehen hier ganz klar: Der Erzähler etabliert eine eigene Ebene, nämlich die, in der er erzählt, und von der er auf das Erzählte zurückblickt. Das ist aber gar nichts Besonderes, denn das gilt theoretisch für jeden Erzähler, selbst den, der nicht allwissend ist. Nur bemühen sich viele Erzähler, eben diese Ebene zurück- oder gar geheim zu halten.

Und damit sind wir bei einem wichtigen Punkt: Der allwissende Erzähler mag alles wissen, aber er erzählt nicht alles. Gut, das würde ohnehin den Rahmen eines üblichen Romans sprengen, aber natürlich folgt der Erzähler damit immer auch einer eigenen Erzählstrategie (bzw. der, die Autor*in für ihn vorgesehen hat). Wie deutlich er selbst in den Vordergrund rückt oder nicht, wie göttlich oder wie unauffällig er sich zeigt, wie viel Information er preisgibt, und wie sehr er es den Leser spüren lässt, wenn er Informationen zurückhält, all das gehört zur Erzählstrategie, und kann ganz unterschiedliche Erzählertypen hervorbringen.

Was Autoren beachten sollten

Das bedeutet demnach, dass auch ein allwissender Erzähler sich „modern“ geben und so zurückhaltend und sparsam agieren kann, dass er kaum noch von einem personalen Erzähler zu unterscheiden ist, der sich ganz an die Perspektive einer Figur hält (wobei durchaus mehrere Perspektivträger bei deutlichen Perspektivwechseln auftreten können).

Gerade hier aber – das muss sich Autor*in ganz deutlich machen – besteht immer der entscheidende Unterschied: Der allwissende Erzähler wechselt niemals die Perspektive, sondern er erzählt aus seiner eigenen, die – weil er eben allwissend ist – die Perspektiven aller Figuren mit umfassen kann.

Und es ist wichtig, dass die Leser*innen diesen Unterschied von Beginn an spüren, damit sie nicht überrascht werden, wenn der Erzähler sich plötzlich anders verhält, als er es der ersten Erwartungshaltung nach dürfte. Denn der Erzähler und seine erzählerischen Möglichkeiten sind einer der wichtigsten Absätze im Pakt zwischen Autor*in und Leser*in. Als Autor*in sollte man sich also von der ersten Zeile an bewusst sein, welche Möglichkeiten und Verhaltensweisen den Erzähler auszeichnen, und es ganz bewusst in die Erzählung einfließen lassen.

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Der Begreifler über den Plot

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

© Stocksnapper

Wenn Autoren – Autorinnen geht es da nicht anders – davon sprechen, dass sie gerade plotten, oder dass sie sich gerade in der Plotphase befinden, meinen sie damit: „Ich erfinde und entwickle gerade den Plot meiner Geschichte.“

Aber was ist dieser Plot? Zunächst einmal ist es einfach ein englischer Begriff, den man als Komplott ins Deutsche übersetzen kann. Gebraucht wird er in der Literaturwissenschaft als Synonym für Handlung im Sinne einer  Ereignisfolge in einem literarischen Werk. Ein weiteres Synonym dafür ist der Begriff der Fabel.

Wie das mit Synonymen so ist, herrscht in der Regel nicht vollkommene Bedeutungsgleichheit zwischen ihnen. Man spricht zwar bei einem Pferd auch gern mal von einem Ross, aber für einen Ackergaul würde man den Begriff wohl nur mit ironischem Unterton verwenden. Wissenschaften haben außerdem die Angewohnheit – und da bildet die Literturwissenschaft beileibe keine Ausnahme –, nicht einheitlich zu sein, auch und erst recht nicht in den Begrifflichkeiten. Wo also der eine Literaturwissenschaftler von Handlung spricht, redet der zweite über die Fabel, während der dritte vom Plot fabuliert. Und es mag sich ein weiterer hinzugesellen, der die Begriffe gar nicht unterscheidet, während wieder ein anderer noch einen neuen dazuerfindet.

Auf weitgehend sicherem Boden bewegt man sich heutzutage – und kommt damit auch den eifrig plottenden Autorinnen und Autoren entgegen –, wenn man Plot als den spezifischsten der drei Begriffe ansieht. Ich will versuchen, die Begriffe stark vereinfacht zu unterscheiden.

Die Handlung ist das, was geschieht. Eine Reihe von chronologisch geordneten Geschehnissen also, die beispielsweise in einem Roman zusammengefasst werden (verwirre ich, wenn ich sage, dass manche hier auch von der Story sprechen?). Im Roman wird also (mittels eines Erzählers) von dem erzählt, was geschieht. Es wird von (!!!) der Handlung erzählt. Notwendigerweise muss die Erzählung einiges, was geschieht – also Teile der Handlung –, auslassen.

Natürlich ist die Handlung vom Autor bzw. der Autorin erdacht (oder doch wenigstens verfremdet, wenn sie beispielsweise auf realen Begebenheiten beruht) und unterliegt damit bereits einer gewissen Struktur. So geschieht vielleicht einiges in Ort A. Dies und jenes ereignet sich dort, die Figuren handeln auf diese und jene Weise, ziehen schließlich zu Ort B, wo wieder einiges geschieht. Nun wird uns aber möglicherweise manches, was hier und dort geschieht, gar nicht erzählt. Oder es wird nur angedeutet. Anderes erfahren wir nur, weil eine Figur davon berichtet. Und dass die Figuren von A nach B reisen müssen (wobei ja auch etwas geschieht, selbst wenn es nur langweiliges Zeugs ist), können wir uns schließlich denken. Ja, selbst dann, wenn wir in Ort B gemeinsam mit den Figuren in einem Wirtshaus am Tisch sitzen und in einer ergreifenden Szene hautnah miterleben, wie der Wirt drei Krüge mit Bier an den Tisch bringt, fragen wir uns nicht, wo er die so schnell hergezaubert hat. Wir haben zwar nichts davon gelesen, gehen aber davon aus, er habe sie kurz zuvor hinter dem Tresen gezapft.

Der Begriff der Fabel wird in diesem Zusammenhang meist entweder deckungsgleich mit Handlung (Story) verwendet oder aber als bereits erzählerisch strukturierte (fabulierte) Wiedergabe der Handlung aufgefasst. In diesem zweiten Verständnis wäre die Fabel einer Geschichte die (chronologische) Folge der erzählten Geschehnisse der Handlung. Das Bierzapfen wäre in dem Beispielfall also Teil der Handlung, aber nicht Teil der Fabel, weil es nicht erzählt wird.

Und damit sind wir endlich beim Plot. Wie mit dem Begriff der Fabel im zweiten Verständnis ist mit dem Begriff Plot erzählerisch strukturierte Handlung gemeint. Auch der Plot besteht also nur aus den Teilen der Handlung, die erzählt werden. Anders als die Fabel ist der Plot aber nicht nur eine Reihe erzählter Ereignisse, sondern er beinhaltet gleichzeitig deren gleichermaßen kausale wie kunstvolle (mit künstlerischen Mitteln gestaltete) Verknüpfung. Einen Plot gibt es also (zumindest in diesem Sinne) nur dort, wo Handlung mit einer bestimmten Wirkungsabsicht so gestaltet wird, dass eine kausale Ereigniskette entsteht (kausal = Ursache – Wirkung bzw. Aktion – Reaktion).

Streng genommen gilt in diesem Verständnis also, dass jede Erzählung Handlung in einer Fabel strukturiert, aber nicht jede Erzählung auch einen Plot besitzt:

Fabel: Tommi ging ein Eis essen, dann besuchte er Rosi.

Plot: Tommi ging ein Eis essen. Er erinnerte sich, dass er vor zwei Wochen mit Rosi in diesem Café gewesen war. Deshalb besuchte er sie.

Plot: Tommi ging ein Eis essen. Er hatte gehofft, Rosi im Café zu treffen, doch sie war nicht da. Also besuchte er sie.

Plot: Tommi besuchte Rosi, weil sie zur Verabredung im Eiscafé nicht erschienen war.

Wenn wir Plot also in diesem Sinne begreifen, lässt sich noch feststellen, dass sich im Rahmen der jeweiligen Kausalkette, die den Plot bestimmt, Handlungsgeschehnisse danach sortieren lassen, ob sie zum Plot gehören oder nicht. Die Aufgabe des plottenden Autors oder der plottenden Autorin besteht damit unter anderem darin, eine Ereignisskette zu erschaffen, deren Glieder vollständig dem zu erzählenden Plot zuzuordnen sind:

Tommi ging ein Eis essen. Im Café ging er einmal aufs Klo. Später erinnerte er sich, dass er vor zwei Wochen mit Rosi in diesem Café gewesen war. Deshalb besuchte er sie.

 In dieser Kausalkette besitzt der Klogang keine Funktion. Er wird kein Kausalzusammenhang zu den vorhergehenden und nachfolgenden Ereignissen hergestellt. Aber:

Tommi ging ein Eis essen. Als er aufs Klo musste, erinnerte er sich, dass er zwei Wochen zuvor auf dem Weg zu eben diesem Örtchen Rosi kennengelernt hatte, und beschloss, sie zu besuchen.

Der Begreifler über Antagonisten

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

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Der Antagonist eines literarischen Werkes ist der Gegner des Protagonisten. Haben wir in einem literarischen Text genau zwei Figuren, kann man davon ausgehen, dass eine der Prota-, die andere der Antagonist ist. Denn ohne gegnerische Kräfte fehlt die dramatische Spannung.

Gegner ist aber nicht unbedingt gleichbedeutend mit Feind. Stellen wir uns als alleinige Figuren eines Textes ein Liebespaar vor, Tom und Marry. Tom bringt beim Frühstück das Thema nächster Urlaub auf den Tisch, Marry aber will das Thema abwenden, da sie plant, ihn mit einer Reise zu überraschen, die er sich schon immer gewünscht hat. Feinde sind die beiden ganz offensichtlich nicht. Aber – und das ist das Entscheidende – sie tragen einen Konflikt aus. In diesem Konflikt sind sie Gegner. Einer der beiden ist Protagonist, einer Antagonist.

Verteilt sind diese Rollen je nach dem Wunsch des Autors abhängig davon, wer im Mittelpunkt der Erzählung steht, wessen Geschichte also erzählt wird. Die Geschichte von Tom, dessen Ziel es ist, die Urlaubsfrage zu klären? Dann ist Marry die Antagonistin, deren Interessen dem Ziel des Protagonisten entgegenstehen, denn sie will nicht, dass die Urlaubsfrage tatsächlich zu diesem Zeitpunkt am Frühstückstisch geklärt wird. Soll Marry die Protagonistin sein, dann verfolgt der Leser ihren Kampf darum, die Überraschung vor Tom zu verbergen. Ohne über die Umstände Bescheid zu wissen, wird er zum Antagonisten, weil sein Ziel dem ihren entgegensteht.

Erzählen wir die Geschichte, in der Tom der Protagonist, Marry die Antagonistin ist, über den Frühstückstisch hinaus, vielleicht in einer Komödie, in der sich aus dem oben geschilderten zentralen Konflikt weitere Verwirrungen und Verstrickungen ergeben, an denen weitere Figuren teilhaben, bleibt doch er der Protagonist, sie die Antagonistin. Nur weil Marry ihre beiden Freundinnen einspannt, ihr bei der Vertuschung ihrer Überraschung zu helfen, hat Tom es nicht auf einmal mit drei Antagonistinnen zu tun. Die Freundinnen sind Nebenfiguren. Sie unterstützen die Antagonistin in deren Interesse, sind ihre Handlangerinnen auf dem Weg, ihr Ziel zu erreichen, während ihre jeweils eigenen Hauptinteressen und -ziele ganz andere sind, die für die Geschichte unseres Protagonisten und den zentralen Konflikt vielleicht überhaupt keine Rolle spielen. Und auch der Typ, der Tom zufällig gerade dann die Tasche klaut, als der sich im Reisebüro Prospekte für die Urlaubsplanung besorgt hat, wird dadurch nicht zum Antagonisten, obwohl er für Tom ein Hindernis auf dem Weg zu seinem großen Ziel darstellt.

So wie der Protagonist der Haupthandelnde ist, der den zentralen Konflikt auszutragen hat, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, ist der Antagonist der Hauptgegner in diesem Konflikt. Alle anderen, die dem Prota irgendwie einen Strich durch die Rechnung machen oder machen wollen, sind antagonistische Kräfte. Solche, die den Antagonisten direkt unterstützen, solche, die dem Protagonisten aus irgendwelchen Gründen auf eigene Rechnung das Leben schwermachen, und solche, die nur versehentlich im Weg stehen.

Zwei gleichrangige Antagonisten kann es dennoch geben, wenn etwa Tom ein Kind ist, dessen Eltern als Antagonisten einfach nicht zulassen wollen, dass er seine Geburtstagsüberraschung vorfristig aufdeckt. Und es geht noch mehr:

Nicht Marry hat etwas dagegen, dass sie gemeinsam einen Urlaub planen, sondern

  • der innere Schweinehund Toms, der den Urlaub lieber im heimischen Fernsehsessel verbringen würde (innerer Konflikt),
  • Toms Schäferhund, der Lunte riecht und nicht allein bleiben will,
  • verschiedene äußere Umstände, die immer wieder verhindern, dass Tom Marry seine Absicht zur Urlaubsplanung antragen kann,
  • die Kellertür, hinter der Tom sich versehentlich eingesperrt hat, als er eine Flasche Wein holen wollte,
  • das Haus, das in einem Horrorszenario verhindern will, im Urlaub allein zu bleiben.

Der Antagonist (bzw. die antagonistische Kraft) muss also nicht immer eine (menschliche) Figur sein.

Sinnlich

Vom Schreibtisch, Foto: sukiyaki

© sukiyaki

Der Roman, den ich derzeit für dotbooks redigiere, dürfte besonders die Freunde sinnlicher Literatur ansprechen, was in diesem Fall Handlung und Sprache gleichermaßen betrifft.

Der Begreifler über Protagonisten

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

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Im allgemeinen Sprachgebrauch wird gern mal von den Protagonisten einer Geschichte, eines Films oder einer Serie gesprochen. Das kann und wird wahrscheinlich dazu führen, dass der Begriff langfristig diese Bedeutungserweiterung erhält. Was wiederum dazu führen könnte, dass man zukünftig, um eindeutig zu sein, vom Hauptprotagonisten sprechen muss. Streng genommen steckt diese Bedeutung allerdings schon im Begriff Protagonist, was griechisch ist und „Ersthandelnder, Haupthandelnder“ bedeutet.

Der (eine) Protagonist einer Geschichte (zumindest aber eines Handlungsstrangs dieser Geschichte, da mag man sich streiten) ist also derjenige, dessen Geschichte erzählt wird. Der Konflikt, von dem die Geschichte hauptsächlich handelt, ist der seinige. Und natürlich ist es der Protagonist, dem es zukommt, diesen Konflikt zu lösen. Er treibt die Handlung voran und steht im Mittelpunkt des (Leser-) Interesses. Unter den Hauptfiguren ist er die wichtigste, sozusagen die Haupthauptfigur. Es wäre also eigentlich wünschenswert, müssten wir dem Protagonisten in Zukunft kein drittes Haupt voranstellen.

Figuren handeln lassen

Wer Geschichten schreibt, muss seine Figuren handeln lassen, statt nur von ihnen zu erzählen. Dazu gibt es jetzt einen Artikel von mir bei Hilfe für Autoren:

Handlung, Handlung, Handlung

Vom Pitchen und Exposieren

Hier soll es heute mal keinen längeren Artikel geben, nur ein kleines Schmankerl zwischendurch.

Sowohl Pitch als auch Exposé dienen unter anderem dem Autor dazu, sein Manuskript zu verkaufen. Dabei ist der Pitch eher der kurze Appetitanreger, der zur Veranschaulichung auch gern mit (prominenten) Vergleichen hausieren darf, das Exposé schon eher ein Handlungsabriss.

In einem Interview mit dem Geisterspiegel hat der Autor Andreas Zwengel auf eine Frage hin eine kurze Zusammenfassung seiner Kurzgeschichte „Blackout“ gegeben. Da es sich um eine Kurzgeschichte handelt, kann man sie schon fast als Exposé werten, aber mit deutlichen Elementen des Pitchens.

Es ist jedenfalls in meinen Augen ein überaus gelungenes Beispiel, wie man seine Geschichte überzeugend anbieten kann, denn sie ist auf den Punkt  gebracht und macht sofort neugierig. Natürlich präsentiert sie auch eine überaus originelle Idee, aber die Kunst ist es eben, diese Originalität auch in die Präsentation zu transportieren.

Mit freundlicher Genehmigung von Andreas, darf ich euch dieses geniale Beispiel hier präsentieren:

Sie handelt von dem genialen wie chaotischen Detektiv Hauser, einer Mischung aus Monk und Dude Lebowski, der einen Fahndungserfolg so ausgiebig feiert, dass er bei der Pressekonferenz den Namen des Täters vergessen hat und den Fall vor laufenden Kameras noch einmal lösen muss.

Harry Plotter: Die Ploterzählung

Für Harry Planer unterschieden sich die bisherigen Vorbereitungen für sein Romanprojekt nicht sonderlich von seinem früheren Vorgehen. Erst jetzt wird er sich ein bisschen umstellen müssen, kann aber auch hoffen, sich auf diese Weise beim Plotten nicht so sehr zu verzetteln und vom eigentlichen Erzählen der Geschichte wegzubewegen.

Harry Drauflos hingegen sollte die Ploterzählung entgegenkommen. Hat er früher einfach drauflosgeschrieben, ohne genau zu wissen, wo es hingehen soll, hat er nun mit den Notizen zum Konflikt und dem Exposé bereits eine grobe Leitlinie. Das Plotten soll nun aber nicht zu „theoretisch“ werden und sich an seinem bisherigen Schreibverhalten orientieren.

Harry Planer weiß, dass er wie manch anderer Autor, der seine Romane intensiv plant, vor allem ein Problem hat: Seine Schreibarbeit ist überwiegend Komposition, von vorneherein auf die Wirkung beim Leser ausgerichtet. Was durchaus ein Vorteil sein kann, führt bei ihm schnell zu pedantischer Kleinarbeit, zu einem Perfektionismus, der in dieser frühen Phase des Romanschreibens die Kreativität blockieren kann. Zu welchem Zeitpunkt steige ich am besten in den Roman ein, in welcher Reihenfolge platziere ich die Szenen, wähle ich möglicherweise mehrere Perspektiven, Handlungsstränge, Zeitebenen, mit welchen Stilmitteln erzeuge ich die beste Wirkung beim Leser, …? Diese und viele weitere Fragen versuchte er schon zu beantworten, bevor er ein Gespür für die Geschichte entwickeln konnte. Wenn es dann beim eigentlichen Schreiben daran ging, die Komposition mit Leben zu füllen, hatte er oft die Geschichte selbst aus den Augen verloren und musste sie sich mühsam wieder aneignen.

Mit der Ploterzählung kann er hoffen, eine Phase einzuschieben, in der er seine Kreativität nicht bändigen muss und an deren Ende er die ganze Geschichte schon einmal komplett erzählt hat.

Als Bauchschreiber hatte Harry Drauflos bisher das Problem, dass er nahezu gar nicht komponiert, sondern eher improvisiert hat. Er hat sich von der Geschichte treiben lassen. Möglicherweise hatte er durchaus den Leser irgendwo im Hinterkopf, aber im Prinzip hat er die Geschichte zunächst einmal nur sich selbst erzählt. Er wäre beinahe geneigt zu sagen, er habe nur das aufgeschrieben, was ihm eine innere Stimme diktiert hat.

Das ging immer mehr oder weniger lange gut. Manchmal hatte er bereits den Schlusspunkt gesetzt, manchmal war es mittendrin, als ihm plötzlich eingefallen ist, dass es da noch den Leser gibt. Plötzlich traute er dem Geschriebenen nicht mehr. Nicht immer zu Unrecht, denn wenn er sich das Geschriebene durchlas, stellte er fest, dass er manche Frage, die er am Beginn des Romans aufgeworfen hatte, im Schreibprozess völlig aus den Augen verloren hatte. Oder dass seine Hauptfigur im Verlauf des Romans zu einer anderen geworden war, ohne dass sich dafür ein nachvollziehbarer Grund finden ließ. Irgendwo mitten in der Geschichte war plötzlich eine Figur aufgetaucht, die ihm so imponiert hatte, dass sie mehr und mehr Raum gewann und die eigentliche Hauptfigur in den Hintergrund drängte. Dann wechselte natürlich auch der Hauptkonflikt und es ging plötzlich um etwas ganz anderes als vorher, weshalb Harry die Geschichte auch nicht zu einem befriedigenden Ende führen konnte.

Sich in einer solchen Phase zu motivieren, das Geschriebene zu strukturieren, es in ein Konzept zu pressen, was meist auch bedeutet, sich von Liebgewordenem zu trennen, ist nicht leicht.

Das Besondere und Neue an der Ploterzählung ist für beide Harrys, dass sie (sich selbst) alles, was in und rund um ihren Roman geschieht, in lockerer, chronologischer Form erzählen. Es ist sozusagen ein Bauchschreiben in Notizen. Ein Zwischenschritt zwischen Exposé und Rohmanuskript. Er macht sowohl dem Planer als auch dem Bauchschreiber viele Zusammenhänge deutlicher, die sonst oft einen Zwiespalt zwischen dem Geplanten und der Ausführung darstellen, er verzeiht es leichter als ein Rohmanuskript, wenn mit dem Schreiber mal die Pferde durchgehen und er bietet eine vorläufige Übersicht über das zu schreibende Gesamtmanuskript.

Um die zu gewähren, ist es vorteilhaft, hinter jedem Satz einen Absatz zu machen. So werden die einzelnen Sätze zu eigenen Einheiten, die man beim späteren Plotten leicht neu anordnen kann. Denn, um es noch einmal zu betonen:

Nicht alles, was einem jetzt so in den Sinn kommt, soll ins spätere Manuskript!

Möglicherweise setzt das Manuskript viel später an als die Ploterzählung, weil diese eben auch die Vorgeschichten erzählt, die dem Autor die Zusammenhänge noch einmal vor Augen führen sollen. Es ist, als würde man einem Dritten erzählen, was in einem Buch (oder einem Film) geschieht. Selbst wenn dort erst nach und nach verraten wird, wer der Protagonist ist, was ihn zu dem gemacht hat, der er ist, und wie es zu den Verstrickungen in der Geschichte kommen kann, wird man für einen Dritten beim Nacherzählen meist etwa so beginnen:

„Lothiel ist ein 15-jähriges Mädchen, das gemeinsam mit ihren Eltern auf einem abseits gelegenen Hof lebt. Ihr Vater war früher Bogenschütze in einem vergangenen Krieg, ihre Mutter Heilerin. Beide hatten genug von Krieg und Tod und haben sich auf das Gehöft zurückgezogen, auf dem Lothiel nun aufwächst …“

Auch die übrigen Aspekte der Romankomposition fallen jetzt noch nicht ins Gewicht. Ob etwas später im Haupthandlungsstrang, in einer Nebenhandlung, aus Sicht des Protagonisten oder einer Nebenfigur, in einer ausführlichen Szene, gerafft oder als Rückblende erzählt wird, darüber machen sich die beiden Harrys in diesem Schritt noch keinen Kopf.

Und so könnte dann ein Teil der Ploterzählung aussehen:

Otto Normal ist auf dem Weg, den er sich immer erhofft hat.

Zwar verdient er sich bisher erst kleine Brötchen in einer Online-Redaktion, doch die ersten Schritte zum professionellen Journalismus sind gemacht.

Für eine große regionale Zeitung schreibt er immerhin schon hin und wieder Kolumnen und der Chefredakteur ist überzeugt von ihm.

Außerdem schreibt er an einem Roman.

Einen Krimi, in dem es um einen Mord aus Eifersucht geht.

Otto wird Mitglied in einem Internetforum für junge Autoren.

An einem Samstag hat er ein bisschen Zeit, um sich in dem Forum genauer umzuschauen.

Er trifft auf das Profil von Lea Lieblos.

Sie macht auf ihn einen sehr lebenslustigen Eindruck.

Auch ihr Humor fasziniert ihn.

Er entdeckt einen Link zu ihrem Blog, auf dem sie auch Fotos von sich ausgestellt hat.

Lea scheint etwa in seinem Alter zu sein und sieht aus wie eine brünette Marilyn Monroe.

Er ist hin und weg

So schreiben die beiden Harrys ihr Rohmanuskript in Stichpunkten. Das Prinzip ist das gleiche wie beim Bauchschreiben, aber eben dennoch auf einer leicht abstrahierenden Ebene. Wie detailreich man dabei vorgeht, wird vom jeweiligen Schreiber abhängen.

Wichtig ist aber, dass man die Geschichte auf diese Weise zu Ende schreibt und erst danach mit dem Strukturieren und Komponieren beginnt.

Dieser strukturierte Plot ist dann das Drehbuch für die Rohversion. Und das ist beim weiteren Schreiben sicher manchem mit all seinen kompositorischen Wendungen bereits so ins Blut übergegangen, dass es nur noch als Orientierung dienen muss.

Harry Plotter: Das Arbeitsexposé

Der Konflikt steht, nun wenden sich unsere Harrys dem Arbeitsexposé zu. Dabei geht es darum, sich eine grobe Übersicht über den roten Faden der Handlung zu verschaffen, um sich während der weiteren Arbeit daran orientieren zu können.

Harry Planer hat es lieber, wenn er seine Figuren bereits von Anfang an kennt, daher fertigt er zunächst zu allen ihm zu diesem Zeitpunkt bekannten Figuren Charakterblätter an. In die schreibt er alle Informationen, die er sich zu den Figuren ausdenkt. Dabei achtet er einerseits darauf, dass er mehr Informationen über die Figur anhäuft, als er im Roman überhaupt verwenden kann. So wird ihm beim Schreiben automatisch eine rundere, stimmigere Figur gelingen. Andererseits behält er bei der Figurenentwicklung seinen Romankonflikt im Hinterkopf, um Figuren zu erschaffen, deren Eigenschaften den Anforderungen des Konflikts genügen. Wie so ein Charakter- oder Figurenblatt aussehen könnte, seht ihr hier. Bei jeder Figur, die hinzukommt, unterbricht Harry Planer seine Arbeit und beschäftigt sich auf diese Weise mit der Figur.

Auch Harry Drauflos fertigt sich solche Figurenblätter an, allerdings lernt er seine Figuren lieber beim Schreiben kennen. Zu Beginn sind seine Notizen zu seinem Romanpersonal also eher spärlich und wachsen erst nach und nach an.

Auch mit dem Exposé sieht es Harry Drauflos etwas lockerer als Harry Planer, weiß er doch, dass es vor allem der darauf folgende Schritt ist, der ihm als Bauchschreiber entgegenkommt. Er schreibt mehr oder weniger nur die Gedanken auf, die ihm bereits zum Roman gekommen sind und bringt sie in eine geordnete Reihenfolge. Immerhin achtet er dabei darauf, nicht zu sehr vom Weg abzukommen und sich am Hauptkonflikt zu orientieren:

Otto Normal ist ein zielstrebiger Typ, der mit aller Konsequenz versucht, das umzusetzen, was er erreichen will. Er möchte gern Journalist werden und jobbt daher in einer Onlineredaktion.

In einem Internetforum lernt er Lea Lieblos kennen und verliebt sich in sie. Doch sie lebt in München, er in Hamburg. Obwohl er gerade ein gutes Angebot bekommen hat, entschließt er sich nach München zu ziehen, um um Lea zu werben. Er lässt in Hamburg alles zurück.

Doch alle Annäherungsversuche an Lea scheitern. Schließlich bietet sich Otto allerdings doch noch eine Chance. Leas Vater leitet einen Verlag, in dem auch seine Tochter arbeitet, und dessen Standbein der Groschenheftmarkt ist. Otto widerstrebt es eigentlich, diese Art Literatur zu schreiben, doch er erstellt ein Manuskript und erhält einen Verlagsvertrag.

Tatsächlich gelingt es ihm so, die Aufmerksamkeit von Lea zu bekommen, und es scheint, als wäre sie dabei, sich in ihn zu verlieben. Doch dann lernt sie Sigurd Schneller kennen und ist hin und weg von ihm. Als Otto davon erfährt, bringt er sich um.

 

Harry Planers Exposé fällt ausgefeilter und detaillierter aus. Manche Wendung, auf die Drauflos möglicherweise erst beim Schreiben kommt, kann er bereits in den theoretischen Vorüberlegungen abstrahieren und so in sein Exposé aufnehmen:

Otto Normal ist auf dem Weg, den er sich immer erhofft hat. Zwar verdient er sich bisher erst kleine Brötchen in einer Online-Redaktion, doch die ersten Schritte zum professionellen Journalismus sind gemacht. Für eine große regionale Zeitung schreibt er immerhin schon hin und wieder Kolumnen und der Chefredakteur ist überzeugt von ihm. Trotz Personalabbaus erhält Otto das Angebot zunächst als freier Mitarbeiter und bald schon als festes Mitglied der Redaktion für die Zeitung zu arbeiten.

In seiner Freizeit schreibt er an einem Roman, für den er bereits einen Agenturvertrag bei einer namhaften Literaturagentur unterschreiben durfte, die sogar schon von interessierten Verlegern weiß.

Auch durch Freundeskreis und Familie ist Otto Normal fest in seiner Heimatstadt Hamburg verwurzelt.

Doch dann stößt Otto in einer Literaturcommunity im Internet auf Lea Lieblos. Sie fasziniert ihn mit ihren Texten und ihrem Intellekt. Ihre Fotos rauben ihm den Atem. Zu seiner eigenen Überraschung verliebt er sich Hals über Kopf in die Münchnerin.

Sie schreiben sich Mails und er gibt viel von sich preis. Sie erzählt ihm vom Verlag ihres Vaters, in dem sie arbeitet.

Ottos Gedanken drehen sich nur noch um Lea und er offenbart im Kreise seiner Freunde erstmals den Gedanken, zu ihr nach München zu ziehen. Seine Freunde raten ihm ab, schließlich sei er in Hamburg dabei, sich ein gutes Standbein aufzubauen und wisse doch gar nicht, ob Lea seine Liebe erwidere. Obwohl er sich der Unvernunft bewusst ist, glaubt Otto allerdings fest an die Gegenseitigkeit der Gefühle zwischen ihm und Lea. Um seinem Schwärmen eine solide Grundlage zu geben, redet er sich ein, der Verlag von Leas Vater wäre auch beruflich eine gute Perspektive für ihn und mit ihr an seiner Seite wäre es ein Leichtes, in den Verlag hineinzukommen und vielleicht sogar seinen Roman dort unterzubringen.

Otto setzt seinen Plan in die Tat um und zieht nach München. Noch am Tag seiner Abreise erhält er per Post ein sehr gutes Angebot von der Hamburger Zeitung, doch seine Entscheidung steht fest.

Schon das erste Treffen zwischen Lea und Otto verläuft anders als erwartet. Lea freut sich, Otto kennenzulernen, ist freundlich und offen, überrascht ihn aber am Ende, als sie sich von ihrem Freund abholen lässt.

Otto ist am Boden zerstört. Noch könnte er alles rückgängig machen und zurück nach Hamburg gehen. Doch er entscheidet sich, nicht aufzugeben, weil er sich sicher ist, dass er sich in den Gefühlen von Lea nicht getäuscht haben kann. Er glaubt, er müsse ihr nur Zeit geben, ihn noch besser kennenzulernen.

Er hält den Kontakt zu Lea aufrecht und die beiden unterhalten sich viel über ihr Schreiben. Otto kann auch von München aus für die Onlineredaktion schreiben und nutzt die verbleibende Zeit, um weiter an seinem Manuskript zu arbeiten. Sehr viel Hoffnung setzt er auf ein Gespräch mit Leas Vater, das sie ihm organisiert hat.

Otto will Leas Vater sein Manuskript vorstellen, doch er bekommt schnell mit, dass er sich in dessen Verlag getäuscht hat. Solchen Thrillerkram würde man dort nicht veröffentlichen, ob er sich nicht vorstellen könne, einen Liebesroman in guter alter Heftromantradition zu schreiben. Otto lehnt zunächst ab und ist empört, dass ihm Lea derartiges offenbar zugetraut hat.

Otto stellt Lea beim nächsten Treffen zur Rede. Sie erklärt, dass sie dachte, er wisse, um was für einen Verlag es sich handelt, man informiere sich doch schließlich vorher. Im Übrigen solle er nicht so arrogant sein, es erfordere Disziplin und Handwerk, einen solchen Roman zu schreiben, dafür könne man damit auch einiges verdienen. Aber vermutlich sei er sowieso nicht der Richtige für einen solchen Job.

Otto fühlt sich verletzt und zurückgesetzt. Doch dann merkt er, dass da noch mehr ist. Lea wirkt traurig und abwesend. Als er nachfragt, beginnt sie zu weinen und offenbart ihm, ihr Freund sei ihr fremdgegangen und nun enttäusche Otto sie auch noch.

Otto tröstet Lea und verspricht ihr, es mit einem Liebsroman zu versuchen. Lea und er landen im Bett, alles scheint sich zum Guten zu wenden.

Otto verschiebt die Arbeit an seinem Manuskript zugunsten des Liebesromans. Die Arbeit daran macht ihm keinen Spaß, aber er kommt gut voran. Seinen Agenten vertröstet er mit Ausreden. Mit Lea läuft es gut. Als Leas Vater den Liebesroman veröffentlichen will, schenkt Otto seinem Agenten reinen Wein ein und verspricht, nun am Vertragsmanuskript weiterzuarbetien.

Otto nimmt sich vor, Lea einen Heiratsantrag zu machen. Als er mit ihram Vater zusammensitzt und das Thema ansprechen will, fragt der nach einem weiteren Liebesroman. Otto will seinen zukünftigen Schwiegervater nicht verärgern und sagt zu.

Otto macht Lea den Antrag, doch die fühlt sich überrumpelt und bittet sich Bedenkzeit aus. In dieser Zeit lernt sie Sigurd Schneller kennen und verliebt sich auf den ersten Blick.

Ottos Agent teilt ihm mit, dass er nicht bereit ist, länger auf das Manuskript zu warten. Dann will sich Lea mit ihm treffen und Otto glaubt, sie wolle nun seinen Antrag annehmen. Stattdessen erfährt er, dass sie spontan mit Sigurd Schneller nach Hamburg ziehen wird.

Von Eifersucht und Enttäuschung getrieben folgt Otto Lea. Als er sie mit Sigurd in inniger Umarmung sieht, wirft er sich vor einen heranfahrenden LKW.

Harry Plotter: Der Konflikt

Bevor es an ein Arbeitsexposee gehen kann, will Harry Planer sich noch einmal den Hauptkonflikt seiner Geschichte deutlich machen und ihn notieren. Ihm ist klar, dieser Hauptkonflikt ist der, den seine Hauptfigur austrägt. Und ihm ist klar, dass der Konflikt seiner Hauptfigur (des Protagonisten) dadurch entsteht, dass ihr vorrangiges Ziel auf Widerstände stößt, die es zu überwinden gilt.

In seinem Fall besteht das Ziel seines Protagonisten darin, die Angebetete zu erobern. Hätte er dabei leichtes Spiel, weil er ein Scharmbolzen ist und seine Liebe seine Gefühle sofort erwidert, gäbe es keinen Konflikt und die Geschichte würde sich kaum für einen Roman eignen.

Nun gibt es verschiedene Möglichkeiten, für einen Konflikt zu sorgen. Zum Beispiel könnte der Protagonist sich selbst im Weg stehen, weil er ein hoffnungsloser Trottel ist, der auch beim Werben um seine große Liebe alles falsch macht. Ein klassischer Komödienkonflikt. Aber eine Komödie will Harry Planer nicht erzählen.

Auch die äußeren Umstände könnten eine Rolle spielen. Kleinere und größere Katastrophen könnten immer wieder verhindern, dass der Prota überhaupt in die Nähe seiner potentiellen Ehefrau kommt. Oder die Hauptfigur ist äußerlich alles andere als attraktiv, sodass sie einen ordentlichen Kampf auszufechten hat, um Fräulein „Ichbinsoschön“ von den inneren Vorzügen zu überzeugen. Und natürlich könnten die Widerstände auch sozialer Natur sein, entweder weil es das erwähnte Fräulein selbst ist, das sich sträubt, sich unter ihrem Stand zu verlieben, oder weil es deren Familie (oder Teile davon) ist, die bei dem Be- und Umwerber die Nase(n) rümpft.

Harry Planer ruft sich seine Grundidee ins Gedächtnis. Er will das Scheitern seines Protagonisten zeigen. Dabei geht es ihm weniger um dessen individuelles Scheitern, sondern mehr darum, zu zeigen, dass ein solches Scheitern jeden treffen kann, der sein Leben komplett auf ein Ziel ausrichtet. Wenn sein Protagonist also aufgrund eher individueller Besonderheiten (zum Beispiel seines Äußeren) scheitern würde, käme das dieser Idee nicht zugute.

Harry Planer entscheidet sich also, einen Normalo als Protagonisten zu wählen, der weder besonders unattraktiv noch das Gegenteil davon ist, gesellschaftlich nicht allzuweit von seiner Traumfrau entfernt und weder absoluter Herzensbrecher noch Liebestrottel. Was ihn sein Ziel nicht ohne Weiteres erreichen lässt, ist demnach einzig und allein, die nicht gleich erwiderte Liebe.

Als Konflikt notiert sich Harry Planer, nachdem er seinen beiden Hauptfiguren Namen gegeben hat:

Otto Normal versucht die Liebe von Lea Lieblos zu erringen, die seine Gefühle nicht erwidert.

 

Harry Drauflos hat es leichter. Er exzerpiert den Konflikt einfach aus dem, was ihm sein Chef erzählt hat. Zur Verfremdung ändert er die Namen, wobei er, einer glücklichen Fügung für den Blogverfasser sei Dank, zufälligerweise genau dieselben Namen wählt wie Harry Planer. Er notiert:

Otto Normal liebt Lea Lieblos. Doch sie liebt ihn nicht.

 

Anmerkungen:

1. Der fertige Konflikt mag simpel wirken, aber zum einen hat vor allem Harry Planer sicherlich zeigen können, dass die Überlegungen dazu gar nicht so simpel sein müssen, zum anderen sind auf den Punkt gebrachte Hauptkonflikte, die ja durch die Geschichte und mögliche Nebenkonflikte erst gefüttert werden müssen, meist recht simpel: Der Kommissar will den Mörder überführen, aber der will sich nicht überführen lassen. Robinson will überleben, aber die Insel scheint dafür wenig geeignet. Frodo muss die Welt vor Sauron retten, aber der hat etwas dagegen.

2. Auch wenn man es hier nicht sofort erkennen mag, der Antagonist in diesem Konflikt ist Lea Lieblos. Antagonisten sind nicht immer klassische Bösewichte wie Sauron, Lord Voldemort oder Dr. No. Sie sind nicht einmal immer Personen. Der Antagonist ist einfach der, die oder das, der, die oder das den Zielen des Protagonisten im Weg steht. Das kann ein Bösewicht sein, aber auch eine sympathische Figur, deren nachvollziehbare Interessen denen des Protas entgegenstehen (z. B. der härteste Konkurrent des 100 Meter-Läufers), der Berg, den der Bergsteiger bezwingen will, der innere Schweinehund oder eine bestimmte Eigenschaft des Protagonisten, die seinem Ziel im Weg steht (z.B. die körperliche Behinderung des Sportlers oder die Bindungsangst eines Mannes, der seine große Liebe heiraten will).