Der Begreifler über Charaktere mit Figur

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

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Vor einiger Zeit fiel mir in einem Forum eine Diskussion darüber auf, ob Blogger, die bei Buchbesprechungen von Charakteren statt von Figuren schreiben, damit einen (unverzeihlichen) Fehler begehen. Ersterer Begriff sei eine unzulässige Eindeutschung aus dem Englischen, die man dringend zu vermeiden habe.

Stimmt das? Und wenn nicht, sind dann die Begriffe vollständig synonym?

Jedenfalls sind Figuren (außer im Falle einer ironisierenden oder abwertenden Bezeichnung) keine Personen. Personen sind etwas Reales, sind oder waren einmal wirklich am Leben. Figuren dagegen werden künstlich erschaffen, im Falle der Literatur also als Teil der Fiktion (selbst dann, wenn sie sich an realen Vorbildern orientieren).

Jeder und jede, der/die in einer Fiktion seinen/ihren Auftritt hat, ist also eine Figur. Manche von ihnen treten allerdings nur als Typen auf, andere sind echte Charaktere. Zu dieser Unterteilung heißt es bei Wilpert:

Type, Typus (griech. typos = Schlag, Gestalt), bestimmte überindividuell unveränderl. Figur mit feststehenden Merkmalen […]

Charakter (griech. = das Eingeprägte), in der Literaturwissenschaft allg. jede in e. dramat. oder erzählerischen Werk auftretende, der Wirklichkeit nachgebildete oder fingierte, aber durch individuellere Charakterisierung in ihrer persönl. Eigenart von den bloßen unprofilierten Typen abgehobene Figur einer Dichtung.

Gero von Wilpert, Sachwörterbuch der Literatur, Stuttgart 1989

Wir haben es also in literarischen Werken mit Figuren zu tun, die entweder nur einen bestimmten Typus* (der Polizist, der Bote) verkörpern oder aber individuell gestaltete Charaktere sind.

*Natürlich können Typen auch versehentlich entstehen, wenn es dem Autor nicht gelingt, eine Figur individuell zu charakterisieren, im Allgemeinen darf man aber davon ausgehen, dass hinter der Verwendung eines Typus durchaus Absicht steckt.

Harry Plotter: Die Idee

Harry Planer möchte gern eine Geschichte über das Scheitern schreiben. Er überlegt sich, dass das Scheitern besonders schmerzlich wäre, wenn jemand sein hart erkämpftes Ziel schon vor Augen hat, es ihm aber im letzten Moment zwischen den Fingern hindurchrinnt. Er denkt über mögliche Ziele nach. Geld scheint ihm zu banal, Glück zu allgemein, ebenso die Liebe. Allerdings gefällt ihm an der Liebe, dass sie ein Ziel ist, mit dem sich viele Leser identifizieren können. Auch glaubt er, dass ein Protagonist, der sich für die Liebe aufopfert, in besonderem Maße die Sympathien der Leser auf sich ziehen kann, dass damit sein Scheitern auch vom Leser als noch schmerzlicher empfunden wird.

Harry Planer entscheidet sich also, die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der sich unsterblich verliebt, für diese Liebe alles aufgibt, lange darum kämpft, seine Angebetete zu erobern, und nach scheinbar endlosen Mühen überzeugt ist, er habe ihr Herz für sich gewonnen. Doch dann kommt ihm ein anderer Werber dazwischen, der nur mit dem Finger schnippen muss, und die Umworbene ist Feuer und Flamme für ihn.

Harry Drauflos macht gerade ein Praktikum in einem Heftromanverlag. Sein Chef scheint ihn zu mögen und erzählt ihm, wie er damals seine heutige Frau, die Besitzerin des Verlagshauses, kennengelernt hat und wieviel er aufgeben musste, um sie zu erobern. Ein Satz seines Chefs lässt Harry aufhorchen: „Ich glaube, wenn sie damals im letzten Moment „Nein“ gesagt hätte, ich hätte mich umgebracht!“

Harry Drauflos ist überzeugt, hier habe er den Stoff für einen guten Roman geliefert bekommen. Vieles, was ihm sein Chef erzählt hat, eignet sich, dazu ein bisschen Fiktion und das dramatische Ende, das es in der Wirklichkeit glücklicherweise nicht gegeben hat, und schon sollte er einen hervorragenden Plot zusammenhaben.

Beide Harrys nehmen sich vor, ihre Idee ein bisschen sacken zu lassen, sie hin und her zu wenden und in der nächsten Woche mit einem Arbeitsexposee zu beginnen.