Der Begreifler über Antagonisten

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

© Stocksnapper

Der Antagonist eines literarischen Werkes ist der Gegner des Protagonisten. Haben wir in einem literarischen Text genau zwei Figuren, kann man davon ausgehen, dass eine der Prota-, die andere der Antagonist ist. Denn ohne gegnerische Kräfte fehlt die dramatische Spannung.

Gegner ist aber nicht unbedingt gleichbedeutend mit Feind. Stellen wir uns als alleinige Figuren eines Textes ein Liebespaar vor, Tom und Marry. Tom bringt beim Frühstück das Thema nächster Urlaub auf den Tisch, Marry aber will das Thema abwenden, da sie plant, ihn mit einer Reise zu überraschen, die er sich schon immer gewünscht hat. Feinde sind die beiden ganz offensichtlich nicht. Aber – und das ist das Entscheidende – sie tragen einen Konflikt aus. In diesem Konflikt sind sie Gegner. Einer der beiden ist Protagonist, einer Antagonist.

Verteilt sind diese Rollen je nach dem Wunsch des Autors abhängig davon, wer im Mittelpunkt der Erzählung steht, wessen Geschichte also erzählt wird. Die Geschichte von Tom, dessen Ziel es ist, die Urlaubsfrage zu klären? Dann ist Marry die Antagonistin, deren Interessen dem Ziel des Protagonisten entgegenstehen, denn sie will nicht, dass die Urlaubsfrage tatsächlich zu diesem Zeitpunkt am Frühstückstisch geklärt wird. Soll Marry die Protagonistin sein, dann verfolgt der Leser ihren Kampf darum, die Überraschung vor Tom zu verbergen. Ohne über die Umstände Bescheid zu wissen, wird er zum Antagonisten, weil sein Ziel dem ihren entgegensteht.

Erzählen wir die Geschichte, in der Tom der Protagonist, Marry die Antagonistin ist, über den Frühstückstisch hinaus, vielleicht in einer Komödie, in der sich aus dem oben geschilderten zentralen Konflikt weitere Verwirrungen und Verstrickungen ergeben, an denen weitere Figuren teilhaben, bleibt doch er der Protagonist, sie die Antagonistin. Nur weil Marry ihre beiden Freundinnen einspannt, ihr bei der Vertuschung ihrer Überraschung zu helfen, hat Tom es nicht auf einmal mit drei Antagonistinnen zu tun. Die Freundinnen sind Nebenfiguren. Sie unterstützen die Antagonistin in deren Interesse, sind ihre Handlangerinnen auf dem Weg, ihr Ziel zu erreichen, während ihre jeweils eigenen Hauptinteressen und -ziele ganz andere sind, die für die Geschichte unseres Protagonisten und den zentralen Konflikt vielleicht überhaupt keine Rolle spielen. Und auch der Typ, der Tom zufällig gerade dann die Tasche klaut, als der sich im Reisebüro Prospekte für die Urlaubsplanung besorgt hat, wird dadurch nicht zum Antagonisten, obwohl er für Tom ein Hindernis auf dem Weg zu seinem großen Ziel darstellt.

So wie der Protagonist der Haupthandelnde ist, der den zentralen Konflikt auszutragen hat, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, ist der Antagonist der Hauptgegner in diesem Konflikt. Alle anderen, die dem Prota irgendwie einen Strich durch die Rechnung machen oder machen wollen, sind antagonistische Kräfte. Solche, die den Antagonisten direkt unterstützen, solche, die dem Protagonisten aus irgendwelchen Gründen auf eigene Rechnung das Leben schwermachen, und solche, die nur versehentlich im Weg stehen.

Zwei gleichrangige Antagonisten kann es dennoch geben, wenn etwa Tom ein Kind ist, dessen Eltern als Antagonisten einfach nicht zulassen wollen, dass er seine Geburtstagsüberraschung vorfristig aufdeckt. Und es geht noch mehr:

Nicht Marry hat etwas dagegen, dass sie gemeinsam einen Urlaub planen, sondern

  • der innere Schweinehund Toms, der den Urlaub lieber im heimischen Fernsehsessel verbringen würde (innerer Konflikt),
  • Toms Schäferhund, der Lunte riecht und nicht allein bleiben will,
  • verschiedene äußere Umstände, die immer wieder verhindern, dass Tom Marry seine Absicht zur Urlaubsplanung antragen kann,
  • die Kellertür, hinter der Tom sich versehentlich eingesperrt hat, als er eine Flasche Wein holen wollte,
  • das Haus, das in einem Horrorszenario verhindern will, im Urlaub allein zu bleiben.

Der Antagonist (bzw. die antagonistische Kraft) muss also nicht immer eine (menschliche) Figur sein.

Der Begreifler übers Schütteln

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

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Die Friedel Gernot gerne fing,
weil er nicht in die Ferne ging.

Sicherlich eine der spielerischsten Reimformen ist der Schüttelreim, bei dem die anlautenden Konsonanten der Reimsilben/-wörter vertauscht werden.

Na dann, viel Spaß beim Spielen!

Der Begreifler über abgekürzte Punkte

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

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Sie folgten ihm. Claudia, Thomas, Victoria, Peter, Gabi u. a.

Endet ein Satz mit einer Abkürzung mit Punkt, wird der Abkürzungspunkt zugleich zum Schlusspunkt des Satzes.

Unerwünschter Besuch

Etymologische Streifzüge, Foto: Glenda M. Powers

© Glenda M. Powers

Das Schlimmste an seinem Job war, dass ihm seine zänkische Kollegin immer wieder ins Gehege kam.

Obwohl die beiden Personen in dem Beispiel ganz offensichtlich nicht zu Hause sind, wenn sie ihm ins Gehege kommt, legt der Ursprung der Redewendung das nahe, denn sie meint eigentlich, dass sie in sein umzäuntes Grundstück eindringt, also seinen Grund und Boden betritt..

Quelle: Duden Band 7 – Herkunftswörterbuch, Mannheim 2001

Der Begreifler über Assonanzen

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

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Wo immer wir leben,
wir wünschen den Segen,
den Frieden zu lieben,
zu lieben in Frieden.

Na, das ist aber schlecht gereimt, oder? lebenSegen, liebenFrieden? Immerhin: Ab der betonten Silbe stimmen jeweils die Vokale in der Lautung überein. Nur die unterschiedlichen Konsonanten stören. Also kein Reim. Bestenfalls ein unvollständiger Reim. Und so heißt er auch, wird aber auch Halbreim oder Assonanz genannt (lat. assonare „tönend beistimmen“).

Der Begreifler über gebeugte Adjektive

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

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Heißer Eintopf (heiße Suppe, heißes Süppchen) ist lecker. An sommerlichen Tagen ist aber statt heißen Eintopfs (heißer Suppe, heißen Süppchens) besser eine Kaltschale zu empfehlen. Mancher zieht heißem Eintopf (heißer Suppe, heißem Süppchen) ohnehin ein ordentliches Schnitzel vor. Andere lassen für heißen Eintopf (heiße Suppe, heißes Süppchen) alles andere stehen. Heiße Eintöpfe (heiße Suppen, heiße Süppchen) sind eben Geschmackssache.

Wie wir wissen und hier noch einmal deutlich sehen, werden Adjektive gebeugt, das heißt sie verändern ihre Form abhängig vom Kasus. Wenn sie wie im oberen Beispiel ohne Artikel, Zahlwort oder dekliniertes Pronomen auskommen müssen, folgen sie der starken Deklination, um der Verantwortung nachzukommen, die Kasus deutlich anzuzeigen.

Tritt etwa ein bestimmter Artikel hinzu, ist das Adjektiv von dieser schweren Verantwortung befreit und wird demnach schwach dekliniert:

Der heiße Eintopf (die heiße Suppe, das heiße Süppchen) ist lecker. An sommerlichen Tagen ist aber statt des heißen Eintopfs (der heißen Suppe, des heißen Süppchens) besser eine Kaltschale zu empfehlen. Mancher zieht dem heißen Eintopf (der heißen Suppe, dem heißen Süppchen) ohnehin ein ordentliches Schnitzel vor. Andere lassen für den heißen Eintopf (die heiße Suppe, das heiße Süppchen) alles andere stehen. Die heißen Eintöpfe (die heißen Suppen, die heißen Süppchen) sind eben Geschmackssache.

Genitiv, Dativ, Akkusativ – alle enden jetzt maskulin nur noch auf –en. Femininum und Neutrum sind nicht ganz so konsequent. Im Plural dagegen enden in allen Genera alle Kasus nur noch auf –en.

Tauschen wir nun den bestimmten gegen einen unbestimmten Artikel, bleibt das im Plural so. Im Singular scheint das Adjektiv sich jedoch nicht so sicher zu sein, ob es seine Verantwortung vollständig abgeben soll, und behält im Nominativ und Akkusativ die Endungen der starken Deklination bei, was zur gemischten Deklination führt:

Ein heißer Eintopf (eine heiße Suppe, ein heißes Süppchen) ist lecker. An sommerlichen Tagen ist aber statt eines heißen Eintopfs (einer heißen Suppe, eines heißen Süppchens) besser eine Kaltschale zu empfehlen. Mancher zieht einem heißen Eintopf (einer heißen Suppe, einem heißen Süppchen) ohnehin ein ordentliches Schnitzel vor. Andere lassen für einen heißen Eintopf (eine heiße Suppe, ein heißes Süppchen) alles andere stehen. Keine heißen Eintöpfe (keine heißen Suppen, keine heißen Süppchen) sind aber auch keine Lösung.

Das Neuner-ABC: Hier wird gebrecht, nicht gebrochen!

Neuner-ABC, Foto: James Steidl

© James Steidl

Das Verb radebrechen ist zum einen eine feste Zusammensetzung (also nicht: Russich breche ich rade), zum anderen wird es regelmäßig gebeugt.

Es heißt also nicht du radebrichst, sondern du radebrechst, nicht sie radebrach, sondern sie radebrechte, nicht sie hat radegebrochen, sondern sie hat radegebrecht.

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Das Neuner-ABC: Was ist das?

Der Begreifler über Reime am Stab

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

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Stabreime, die man auch Alliterationen nennt, findet man nicht nur in der Lyrik. Auch in Redewendungen trifft man sie häufig an: mit Mann und Maus, von Haus und Hof, in Feld und Flur, mit Kind und Kegel, …

Sie zeichnen sich also durch gleiche Anlaute aus: Der tote Tag ist trübe.

Der Begreifler über substantivische Kräfte

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

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Substantive werden dekliniert. Manche von ihnen verhalten sich angesichts dieser Beugung echt stark, andere schwächeln, wieder andere können sich nicht recht entscheiden. So unterscheiden wir (und zwar schon seit Jacob Grimm) zwischen drei Deklinationsarten, in die sich die allermeisten Substantive einordnen lassen. Diese Einordnung ist unabhängig vom grammatischen Geschlecht (Genus) der Substantive.

Entscheidendes Merkmal ist stattdessen, wie oft die Substantive bei der Bildung der Kasus (grammatische Fälle) auf eine Stütze angewiesen sind. Diese Stütze ist die Endung -(e)n.

In der starken Deklination, die Maskulina, Feminina und Neutra umfasst, tritt die Endung -(e)n nur im Dativ Plural auf. Im Genitiv Singular steht die Endung -(e)s.

Maskulinum:

Singular

Nominativ: der Schreiber
Genitiv: des Schreibers
Dativ: dem Schreiber
Akkusativ: den Schreiber

Plural

Nominativ: die Schreiber
Genitiv: der Schreiber
Dativ: den Schreibern
Akkusativ: die Schreiber

Femininum:

Singular

Nominativ: die Mutter
Genitiv: der Mutter
Dativ: der Mutter
Akkusativ: die Mutter

Plural

Nominativ: die Mütter
Genitiv: der Mütter
Dativ: den Müttern
Akkusativ: die Mütter

Neutrum:

Singular

Nominativ: das Kind
Genitiv: des Kind(e)s
Dativ: dem Kind(e)
Akkusativ: das Kind

Plural

Nominativ: die Kinder
Genitiv: der Kinder
Dativ: den Kindern
Akkusativ: die Kinder

In der schwachen Deklination kommen Maskulina und Feminina vor. Bei den Maskulina tritt hier die Endung -(e)n außer im Nominativ Singular durchgehend auf, bei den Feminina bei allen Pluralformen, während der Singular endungslos ist.

Maskulinum:

Singular

Nominativ: der Mensch
Genitiv: des Menschen
Dativ: dem Menschen
Akkusativ: den Menschen

Plural

Nominativ: die Menschen
Genitiv: der Menschen
Dativ: den Menschen
Akkusativ: die Menschen

Femininum:

Singular

Nominativ: die Frau
Genitiv: der Frau
Dativ: der Frau
Akkusativ: die Frau

Plural

Nominativ: die Frauen
Genitiv: der Frauen
Dativ: den Frauen
Akkusativ: die Frauen

In der gemischten Deklination versammeln sich schließlich diejenigen Maskulina und Neutra, die im Singular stark, im Plural schwach gebeugt werden. Zu dieser Deklinationsart gehört auch das oft fälschlicherweise schwach deklinierte Wort „Autor“, weshalb ich es hier beispielhaft verwende.

Maskulinum:

Singular

Nominativ: der Autor
Genitiv: des Autors
Dativ: dem Autor
Akkusativ: den Autor

Plural

Nominativ: die Autoren
Genitiv: der Autoren
Dativ: den Autoren
Akkusativ: die Autoren

Neutrum:

Singular

Nominativ: das Auge
Genitiv: des Auges
Dativ: dem Auge
Akkusativ: das Auge

Plural

Nominativ: die Augen
Genitiv: der Augen
Dativ: den Augen
Akkusativ: die Augen

Bleibt noch zu sagen, dass es Substantive gibt, die sich von einer zur anderen Deklinationsart hinentwickeln (die Mannen/die Männer), dementsprechend solche, die aktuell schwanken (des Bauers/des Bauern). Dort, wo Doppelformen auftreten, gilt häufig nur eine als standardsprachlich. Bei anderen tritt eine Bedeutungsdifferenzierung auf.

Geschnuppert und gewürzt

Für Autoren, Foto: Milan Vasicek

© Milan Vasicek

Nun ist sie erschienen, die neue Ausgabe der Federwelt (beim Erstellen dieses Blogeintrags war auf der Webseite noch die Ausgabe Februar/März zu sehen) mit dem zweiten Teil der Reihe „Textküche„:

Zwei Schreibprofis, in jeder Folge zwei andere, kommentieren Texte, die noch nicht ganz rund sind. Lektoratsarbeit also auf dem Präsentierteller – ein besonderes Schmankerl für alle, die Buchstaben lieben.

Diesmal wurden André Hille und ich von Küchenchefin Anke Gasch zum Thema „Erzähl(er)stimmen finden“  eingeladen, durften ein bisschen schnuppern und das eine oder andere Gewürz verstreuen.