Der Begreifler über attributive Verwendung von Adverbien

Der Begreifler, Foto: Stocksnapper

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  1. Das Fenster ist offen. Und durch ein offenes Fenster scheint die Sonne herein.
  2. Die Tür ist zu. Und durch eine zue Tür dringt der Krach nur gedämpft herein.
  3. Der Griff ist ab. Mit einem abben Griff lässt sich der heiße Topf schlecht tragen.

Anders als in Beispiel 1 haben wir es bei 2 und 3 mit Adverbien (zu, ab) zu tun, die nicht deklinierbar sind und in diesen Beispielen also auch inkorrekt als Attribute eingesetzt werden. Das können – wie in Beispiel 1 offen – nur die deklinierbaren Adjektive leisten:

Die Tür ist geschlossen. Und durch eine geschlossene Tür dringt der Krach nur gedämpft herein.

Es sei aber noch darauf hingewiesen, dass es durchaus Adverbien gibt, die diese Grenze zum Adjektiv überschritten haben, bei denen also die attributive Verwendung nicht mehr unbedingt als inkorrekt gilt:

Insgeheim hoffte er auf ihre Rückkehr. Diese insgeheime Hoffnung ließ ihn lange nicht los.

Aus Partizip!

Klaus brachte fluchend den Müll runter.

In diesem Satz steckt das Partizip fluchend. Es bestimmt näher, wie Klaus den Müll runterbringt, wird in diesem Fall also adverbial gebraucht*. Das bedeutet auch, dass die Hauptaussage des Satzes ist, dass Klaus den Müll runterbringt, während sein Fluchen diese Aussage nur näher erläutert.

Wollen wir das Fluchen betonen, also des Lesers volle Aufmerksamkeit auch auf das Fluchen richten, sollten wir aus dem Partizip wieder ein Vollverb machen:

Klaus brachte den Müll runter und fluchte (dabei).

Man beachte, dass auf diese Weise nicht nur ein Akzent auf das Fluchen gesetzt wird, es wird erst durch die Rückverwandlung in ein Verb wieder zu einer Aktion.

Aber zurück zum Partizip: Das Partizip kann man rein theoretisch beliebig erweitern:

Klaus brachte leise fluchend den Müll runter.
Klaus brachte auf Gott und die Welt fluchend den Müll runter.
Klaus brachte auf die Faulheit seiner verwöhnten und in keiner Weise kooperierenden Kinder fluchend den Müll runter.

Was damit entsteht, ist der sogenannte Partizipialsatz, auch satzwertiges Partizip genannt. Um die Gliederung deutlich zu machen oder Missverständnisse zu vermeiden, könnte man ihn in Kommata einschließen. Dennoch geht mit zunehmender Länge der Partizipialgruppe die Übersicht verloren.

Auch die Gewichtung verschiebt sich. Rein grammatisch liegt die Betonung noch immer auf der Hauptaussage, dass Klaus den Müll runterbringt, doch spätestens im dritten Beispiel ist diese Hauptaussage kaum noch hinter dem Partizipwulst zu erkennen.

Das Partizip bleibt aber nun mal Partizip, wird, egal wie viel Gewicht es trägt, nicht zu einem finiten Verb. Keine Aktion! Folge: Je länger das satzwertige Partizip, desto statischer der gesamte Satz.

Wenn also nicht gerade besondere stilistische Effekte erwünscht sind, ist es immer besser, sich von solchen Konstruktionen fernzuhalten und stattdessen zwei Hauptsätze oder Haupt- und Nebensatz zu formulieren.

Klaus fluchte auf die Faulheit seiner verwöhnten und in keiner Weise kooperierenden Kinder, während er den Müll runterbrachte.

Ich behandle dieses Thema schon zum zweiten Mal, diesmal allgemeiner. Wen noch der kleine Artikel interessiert, den ich damals direkt für Autoren geschrieben habe, der kann ihn hier nachlesen.

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*Partizipien können natürlich auch attributiv, etwa als Begleiter eines Substantivs, gebraucht werden. An den Problemen, die sie mit sich bringen, ändert sich dadurch nichts:

Der (auf die Faulheit seiner verwöhnten und in keiner Weise kooperierenden Kinder) fluchende Klaus brachte den Müll runter.

Aus Prinzip Partizip?

(1) Lachend ging Tom die Straße entlang.

„Lachend“ ist ein Partizip, Partizip I, um genau zu sein. Es wurde aus dem Verb „lachen“ gebildet und drückt im Prinzip eine zweite Tätigkeit aus, die einer ersten untergeordnet ist.

Tom tut also in unserem Beispiel zwei Dinge: Er geht und er lacht.

(2) Tom ging die Straße entlang und lachte.

Trotzdem merken wir schon, wie sich mit dem Partizip die Betonung verschiebt. Der Schwerpunkt der Aussage in Beispiel (1) liegt darauf, dass Tom die Straße entlang geht.

Das Partizip kann nun noch erweitert werden:

(3) Laut lachend ging Tom die Straße entlang.

(4) Über einen Witz lachend ging Tom die Straße entlang.

Spätestens in Beispiel (4) wird der Satz langsam unübersichtlich, selbst dann, wenn man zur besseren Übersichtlichkeit das mögliche Komma setzt. Dennoch kann gerade hinsichtlich der Betonung die partizipiale Konstruktion erwünscht sein. Auch der sprachliche Rhythmus könnte die Entscheidung des Autors zugunsten des erweiterten Partizips beeinflussen.

Im Lektorat fällt mir aber immer mal wieder ein sehr inflationärer Gebrauch solcher Partizipialkonstruktionen (satzwertiges Partizip, Patizipialsatz) auf. Das mag zum einen daran liegen, dass der Autor das für einen besonders literarischen Stil hält, zum anderen an dem Bedürfnis, viel Information auf engem Raum zusammenzubringen.

Während Ersteres zumindest pauschal so nicht stimmt, ist Letzteres für einen literarischen Text alles andere als erstrebenswert. Denn wir schreiben ja nicht an einem möglichst informativen Artikel, für den uns nur begrenzter Raum zur Verfügung steht. Ganz im Gegenteil: Wir schreiben eine Geschichte, die durchaus mit Informationen geizen darf und soll, nicht aber mit den Sätzen, in denen sie dem Leser diese Informationen vermittelt.

Und eine Geschichte wird durch aktive Handlung getragen. Mit Partizipialsätzen erreicht man aber das genaue Gegenteil. Sie drücken nur noch sehr abgeschwächt Handlung aus, sind nicht selten bloßes Attribut. Dazu kommt noch, dass sie für den Leser inhaltlich schwieriger aufzunehmen sind und für den Autor oft alles andere als leicht zu händeln, vor allem, weil man genau darauf achten muss, dass der richtige Bezug unmissverständlich hergestellt werden kann (5).

Zusammenfassend kann man also sagen:

  1. Partizipialsätze können wünschenswert sein, wo sie der gewünschten Absicht entsprechen.
  2. Partizipialsätze können einen Text auflockern.
  3. Partizipialsätze sollten sparsam eingesetzt werden und einen Text niemals beherrschen.
  4. Achte auf Verständlichkeit (5).
  5. Erschaffe keine „Partizipmonster“ (6).

(5) Mit Bier angefüllt gab ich meinem Freund das Glas.

(6) Er ging seinen MP3-Player aus der Hosentache holend und AC/DC, seine Lieblingsband, heraussuchend die Straße entlang