Nachschlagen, nicht nachtreten

In meinem letzten Blogeintrag habe ich darüber geschrieben, dass man als Autor eine Geschichte oder einen Roman nicht mit dem eigenen Wissen überfrachten soll.

Nun soll es darum gehen, sein eigenes Wissen immer wieder zu überprüfen. Genauer gesagt, will ich damit vorschlagen, dass man im Schreibprozess vorsätzlich immer wieder am eigenen Wissen zweifelt. Warum das?

Jeder Autor muss sich klarmachen, dass er im normalen Alltag immer wieder mit Halbwissen hausiert. Das ist nichts Schlimmes, schließlich geht das jedem so. Vor allem fällt es im Alltag entweder nicht auf oder es lässt sich leicht korrigieren, wenn es jemand besser weiß. Wird einem das aber nicht bewusst, wenn man sich ans Schreiben macht, dann schreibt man vieles so dahin, was man lieber noch einmal nachgeschlagen hätte.

Ich will das an einem Beispiel zeigen: Die meisten dürften aus dem Stegreif wissen, dass man das Rudel Wölfen oder Hunden zuordnet, während sich Rinder und Pferde in Herden zusammenschließen. Dass Fische zwar im Schwarm unterwegs sind, Wale und Delfine aber in der Schule, könnte manchem schon Schwierigkeiten bereiten. Aber wie rottet sich das Rotwild am Waldrand zusammen? Ein Schwarm wird es wohl nicht sein, eher vielleicht eine Herde. Oder doch ein Rudel? Und wird es von einem Hirschbock, einem Hirschbullen oder einfach einem Hirsch angeführt? Wird es überhaupt von einem männlichen Tier geführt oder gehen Männchen und Weibchen getrennte Wege?

Kleinigkeiten? Sicher. Aber stellen Sie sich vor, sie würden in einem Roman lesen, dass der Protagonist sich an einem Rudel Wildpferde erfreut oder vor einer Herde Wölfe fliehen muss.

Es ist normal, dass man sich nicht in allen Dingen auskennt, was aber nicht bedeutet, dass es nicht Leser gibt, die über diese Dinge besser Bescheid wissen. Ob es die Fressgewohnheiten einer Tierart sind, die Lohnverhältnisse einer Berufsgruppe oder die Fachbegriffe im Friseursalon, wer mit seinem Text nicht unfreiwillig komisch wirken will, der sollte auch diese Kleinigkeiten recherchieren.

Natürlich fällt so etwas mit ein bisschen Glück später dem Lektor auf. Doch auch ein Lektor ist nicht allwissend und in der Regel kann er sich für einen Text nicht dieselbe Zeit nehmen, die der Autor in den Text hätte investieren sollen.

Also noch einmal zusammengefasst der Rat: Ein Autor sollte seinem eigenen Wissen gegenüber ein gesundes Misstrauen entwickeln. Sobald auch nur leise Zweifel auftauchen, ob man über einen Sachverhalt, einen Begriff, eine Redewendung ausreichend informiert ist, sollte man lieber einmal zu viel nachschlagen oder recherchieren als zuwenig.

Der lehrreiche Roman

Mancher Autor kann sich offenbar nicht entscheiden: Will er einen Roman, ein Sachbuch oder gar ein Lexikon schreiben. Ist aber kein Problem, die Lösung ist einfach: Schreib alles zusammen!

Da werden dann munter Begriffe erklärt, während einer eher langweiligen Romanpassage die Wissensvorräte zur Tier- und Pflanzenwelt ausgepackt und in eine vielleicht sogar zu spannende Szene wird ein Exkurs in die Modewelt des 17. Jahrhunderts eingebettet. Schließlich gilt es, nicht allein eine Geschichte zu erzählen, sondern als Autor mal zu zeigen, was man sonst noch so alles auf dem Kasten hat. Und welcher Leser fühlt sich beim Lesen nicht gern auf die Schulbank zurückversetzt?

Ich vermute, selbst die Leser, die dem Lesen neben einem Unterhaltungswert auch ein bildendes Element zubilligen oder gar abverlangen, werden diesem Gattungskreuzer nicht lange folgen. Es wird ihrem Lesevergnügen allzu abträglich sein, wenn die Geschichte ständig von einem besserwisserischen Autor verdeckt wird. Selbst wenn der sie halbwegs damit amüsieren sollte, dass er mit seinem eitel vorgetragenen Wissen unfreiwillig nur seine Wissenslücken auf den Tisch packt.

Zu einer guten Geschichte gehört auch ein gutes Maß an Recherche. Tatsächlich sind es oft viel mehr Kleinigkeiten, die wir vielleicht zunächst glauben, so nebenbei aus dem Ärmel zu schütteln, die dem Leser ins Auge stechen könnten. In jedem Fall dient aber die Recherche, nebst allem Wissen, das schon vorher in uns steckte, der Geschichte und nicht umgekehrt. All die Fakten, die wir uns angeeignet haben, sind das Fundament der Geschichte, nicht das Wohnzimmer. Der Besucher unserer Geschichte soll ihre sichernde Anwesenheit spüren, sie aber nicht ständig unter die Nase gerieben bekommen.

Andernfalls sollten sich Autor und Leser gleich auf das Sachbuch einigen.

Mancher Autor kann sich offenbar nicht entscheiden: Will er einen Roman, ein Sachbuch oder gar ein Lexikon schreiben. Ist aber kein Problem, die Lösung ist einfach: Schreib alles zusammen!
Da werden dann munter Begriffe erklärt, während einer eher langweiligen Romanpassage die Wissensvorräte zur Tier- und Pflanzenwelt ausgepackt und in eine vielleicht sogar zu spannenden Szene wird ein Exkurs in die Modewelt des 17. Jahrhunderts eingebettet.
Schließlich gilt es, nicht allein eine Geschichte zu erzählen, sondern als Autor mal zu zeigen, was man sonst noch so alles auf dem Kasten hat. Und welcher Leser fühlt sich beim Lesen nicht gern auf die Schulbank zurückversetzt?
Ich vermute, selbst die Leser, die dem Lesen neben einem Unterhaltungswert auch ein bildendes Element zubilligen oder gar abverlangen, werden diesem Gattungskreuzer nicht lange folgen. Es wird ihrem Lesevergnügen allzu abträglich sein, wenn die Geschichte ständig von einem besserwisserischen Autor verdeckt wird. Selbst wenn der sie halbwegs damit amüsieren sollte, dass er mit seinem eitel vorgetragenen Wissen unfreiwillig nur seine Wissenslücken auf den Tisch packt.
Zu einer guten Geschichte gehört auch ein gutes Maß an Recherche. Tatsächlich sind es oft viel mehr Kleinigkeiten, die wir vielleicht zunächst glauben, so nebenbei aus dem Ärmel zu schütteln, die dem Leser ins Auge stechen könnten. In jedem Fall dient aber die Recherche, nebst allem Wissen, das schon vorher in uns steckte, der Geschichte und nicht umgekehrt. All die Fakten, die wir uns angeeignet haben, sind das Fundament der Geschichte, nicht das Wohnzimmer. Der Besucher unserer Geschichte soll ihre sichernde Anwesenheit spüren, sie aber nicht ständig unter die Nase gerieben bekommen.
Andernfalls sollten sich Autor und Leser gleich auf das Sachbuch einigen.

Aus Prinzip Partizip?

(1) Lachend ging Tom die Straße entlang.

„Lachend“ ist ein Partizip, Partizip I, um genau zu sein. Es wurde aus dem Verb „lachen“ gebildet und drückt im Prinzip eine zweite Tätigkeit aus, die einer ersten untergeordnet ist.

Tom tut also in unserem Beispiel zwei Dinge: Er geht und er lacht.

(2) Tom ging die Straße entlang und lachte.

Trotzdem merken wir schon, wie sich mit dem Partizip die Betonung verschiebt. Der Schwerpunkt der Aussage in Beispiel (1) liegt darauf, dass Tom die Straße entlang geht.

Das Partizip kann nun noch erweitert werden:

(3) Laut lachend ging Tom die Straße entlang.

(4) Über einen Witz lachend ging Tom die Straße entlang.

Spätestens in Beispiel (4) wird der Satz langsam unübersichtlich, selbst dann, wenn man zur besseren Übersichtlichkeit das mögliche Komma setzt. Dennoch kann gerade hinsichtlich der Betonung die partizipiale Konstruktion erwünscht sein. Auch der sprachliche Rhythmus könnte die Entscheidung des Autors zugunsten des erweiterten Partizips beeinflussen.

Im Lektorat fällt mir aber immer mal wieder ein sehr inflationärer Gebrauch solcher Partizipialkonstruktionen (satzwertiges Partizip, Patizipialsatz) auf. Das mag zum einen daran liegen, dass der Autor das für einen besonders literarischen Stil hält, zum anderen an dem Bedürfnis, viel Information auf engem Raum zusammenzubringen.

Während Ersteres zumindest pauschal so nicht stimmt, ist Letzteres für einen literarischen Text alles andere als erstrebenswert. Denn wir schreiben ja nicht an einem möglichst informativen Artikel, für den uns nur begrenzter Raum zur Verfügung steht. Ganz im Gegenteil: Wir schreiben eine Geschichte, die durchaus mit Informationen geizen darf und soll, nicht aber mit den Sätzen, in denen sie dem Leser diese Informationen vermittelt.

Und eine Geschichte wird durch aktive Handlung getragen. Mit Partizipialsätzen erreicht man aber das genaue Gegenteil. Sie drücken nur noch sehr abgeschwächt Handlung aus, sind nicht selten bloßes Attribut. Dazu kommt noch, dass sie für den Leser inhaltlich schwieriger aufzunehmen sind und für den Autor oft alles andere als leicht zu händeln, vor allem, weil man genau darauf achten muss, dass der richtige Bezug unmissverständlich hergestellt werden kann (5).

Zusammenfassend kann man also sagen:

  1. Partizipialsätze können wünschenswert sein, wo sie der gewünschten Absicht entsprechen.
  2. Partizipialsätze können einen Text auflockern.
  3. Partizipialsätze sollten sparsam eingesetzt werden und einen Text niemals beherrschen.
  4. Achte auf Verständlichkeit (5).
  5. Erschaffe keine „Partizipmonster“ (6).

(5) Mit Bier angefüllt gab ich meinem Freund das Glas.

(6) Er ging seinen MP3-Player aus der Hosentache holend und AC/DC, seine Lieblingsband, heraussuchend die Straße entlang

Dann, dann, dann. Und danach?

Er ging ins Zimmer. Dann zündete er sich eine Zigarette an. Danach blätterte er in der Fernsehzeitung.

Braucht es das „dann“ und das „danach“ überhaupt? Nein!

Wenn es nicht ausdrücklich anders betont wird, liest der Leser die Geschehnisse und Handlungen in einem Text immer als zeitliches Nacheinander. Dies extra zu betonen ist also überflüssig und Überflüssiges hat im Text nichts zu suchen.

Er ging ins Zimmer, zündete sich eine Zigarette an und blätterte in der Fernsehzeitung.

Nur wenn wir Gleichzeitiges beschreiben (1), wenn die Reihenfolge im Text nicht der tatsächlichen entspricht (2) oder wenn eine Aufeinanderfolge aus anderen Gründen extra betont werden soll, zum Beispiel weil sie eher unüblich ist (3), muss das im Text gekenzeichnet werden:

(1) Er zündete sich eine Zigarette an, während er in der Fernsehzeitung blätterte.

(2) Er zündete sich eine Zigarette an, nachdem er ein bisschen in der Fernsehzeitung geblättert hatte.

(3) Er zog kräftig an der Zigarette. Dann erst zündete er sie an.

Er ging ins Zimmer. Dann zündete er sich eine Zigarette an. Danach blätterte er in der Fernsehzeitung.
Braucht es das „dann“ und das „danach“ überhaupt? Nein!
Wenn es nicht ausdrücklich anders betont wird, liest der Leser die Geschehnisse und Handlungen in einem Text immer als zeitliches Nacheinander. Dies extra zu betonen ist also überflüssig und Überflüssiges hat im Text nichts zu suchen.
Er ging ins Zimmer, zündete sich eine Zigarette an und blätterte in der Fernsehzeitung.
Nur wenn wir Gleichzeitiges beschreiben (1), wenn die Reihenfolge im Text nicht der tatsächlichen entspricht (2) oder wenn eine Aufeinanderfolge aus anderen Gründen extra betont werden soll, zum Beispiel weil sie eher unüblich ist (3), muss das im Text gekenzeichnet werden:
(1) Er zündete sich eine Zigarette an, während er in der Fernsehzeitung blätterte.
(2) Er zündete sich eine Zigarette an, nachdem er ein bisschen in der Fernsehzeitung geblättert hatte.
(3) Er zog kräftig an der Zigarette. Dann erst zündete er sie an.